Bombenangriff auf Fischbach am 28. April 1944.
Erinnerungen von Gottfried Rebstein, damals 6 1/2 Jahre alt.


Nachts um 1 Uhr erweckte uns Sirenengeheul. Von unserem Haus in der Spaltensteiner Straße waren zwei Sirenen hörbar, eine davon vom alten Zollhaus (Ecke Spaltensteiner-Zeppelinstrasse) und die zweite vom Dach des Rathauses in Spaltenstein. Wir waren das Sirenengeheul bereits gewohnt: Schnell aufstehen, Notfall-Köfferle schnappen und schnell ab in den Keller. Dort war ein sogenannter Luftschutzraum, abgestützt mit Balken, eingerichtet. Das Mobiliar bestand aus einigen Stühlen, einem kleinen Tischchen und einer Matratze. Auf dieser durfte ich als kleines Büble im Alter von 61/2 Jahren mich noch einmal hinlegen. Diverse Kerzen und eine Laterne waren bereitgestellt um im Falle eines Stromausfalls noch etwas sehen zu können. Als meine Mutter hinausschaute um die Lage zu prüfen sah sie ein Paar sogenannte „Christbäume“ am Himmel. So wurden helle, langsam vom Himmel fallende Leuchtkörper genannt, welche von Voraus-Flugzeugen über den vorgesehenen Zielen abgeworfen wurden. „Da kommt noch etwas nach“ sagte meine Mutter vorausahnend. Es dauerte nicht lange bis ein tiefes Brummen diverser Flugmotoren der trügerischen Ruhe ein Ende bereitete. Bald danach waren Kanonenschüsse von der Flakstellung zu hören. Die Flakstellung war auf einem Bahngleis auf dem Gelände des heutigen Sportplatzes stationiert. Diese war ausgestattet mit vier großen Geschützen und einem großen Scheinwerfer um bei Nacht den Himmel nach Flugzeugen abzusuchen. Bald ging im Keller das elektrische Licht aus. Die tief brummenden Motorengeräusche wurden unaufhörlich lauter und die Geschütze ballerten drauf los. Dann spürten wir eine kräftige Detonation welcher weitere in engeren Abständen folgten. Der erzeugte Luftdruck erreichte teilweise auch in einer solchen Stärke unseren Keller, dass davon die Kerzen ausgingen. Das ganze Getöse dauerte ein paar Minuten, dann wurde es leiser bis die Motorengeräusche ganz verstummten. Wir waren zu Dritt im Keller, meine Oma, meine Mutter und ich. Der bei uns im Hause wohnhafte Zimmerherr musste bei Fliegeralarm schnellstens mit dem Fahrrad zur Firma Dornier. Mein Vater war im Krieg in Russland und mein Opa bereits 1940 verstorben. Wie viele Vaterunser wir in dieser Nacht gebetet haben weiß ich nicht mehr. Wir waren glücklich, dass unser Haus noch stand. 

Beim Blick hinaus sah meine Mutter im Nachbarhaus des Kohlenhändlers Moll in der Eisenbahnstraße den brennenden Dachstuhl, in unserem Haus brannte nichts. Bei den Angriffen kamen die Flugzeug Geschwader von Westen und wollten hauptsächlich die Flakstellung treffen, was auch, wie wir später erkennen mussten, geschah. Doch viele dieser Bomben verfehlten ihr ursprüngliches Ziel und trafen auch Wohnhäuser.. Als wir meinten der Angriff sei endlich vorbei hörten wir zu unserem Schreck erneut das immer stärker werdende, dumpfe Dröhnen der Motoren. Doch bei der zweiten Angriffswelle wurden wir von Bomben verschont und die Flak-Kanonen blieben still, da die Flakstellung mit deren Kanonen und Scheinwerfern schon beim ersten Angriff durch einen Volltreffer außer Gefecht gesetzt wurden. Nachdem es wieder ruhig geworden war verließen wir unseren Keller, obwohl es noch keine Sirenenentwarnung gegeben hatte. Kein Wunder, denn es gab totalen Stromausfall wovon auch die Sirenen betroffen waren. Ich kann mich noch daran erinnern, dass es durch den Brand im Nachbarhaus trotz der Nachtzeit draußen taghell war. Oben angekommen fanden wir was der Angriff an unserem Haus beschädigte. Unsere Haustüre lag im Flur. Durch den Luftdruck hat es die Türe samt Angeln aus der Wand gerissen. Meine Mutter und Oma liefen durch das ganze Haus um eventuelle Brandherde zu entdecken, es war aber nichts zu finden. In Richtung Friedrichshafen sahen wir einen hell angeleuchteten Himmel, denn die Stadt brannte lichterloh. Meine Mutter brachte mich anschließend mit dem Fahrrad zur zweiten „Oma Sterk“ die in der Friedrichshafener Straße 295 wohnte, so dass ich von weiteren Geschehen nichts mehr mitbekommen habe. Unser Haus war nicht so stark beschädigt, es lagen aber Dachziegel rund um das Haus verteilt, so dass das Dach fast völlig abgedeckt war. Die Giebelwand in Richtung Bahnlinie zeigte diverse Risse und wölbte sich 5cm nach außen, was heute noch zu sehen ist. Eine Brandbombe ging durch den Dachvorsprung nieder und landete auf dem Kiesbett vor dem Kellerfenster, eine andere im Holzschopf, beide glücklicherweise ohne zu explodieren. Bei diesem Angriff auf Fischbach wurden 15 Soldaten getötet und mehrere schwer verwundet. Das Haus an der Ecke Kapitän-Wagner Straße/Hans-Jakob Straße bekam einen Volltreffer am Kellerabgang ab und das Haus nebenan wurde von einer Bombe voll getroffen. Hier kamen 7 Menschen zu Tode, die Familien Fiegle und Fahrenkopf wurden dabei vollkommen ausgelöscht. Bei dem gegenüber liegenden Haus war die gesamte Giebelwand weggerissen und lag im

Garten. Man sah in die verschiedenen Zimmer offen wie bei einer Puppenstube. Das Haus Nummer 4 in der Hansjakobstraße war sehr stark beschädigt und unbewohnbar, wir waren froh in unserem Haus trotz der Beschädigungen noch wohnen zu können. Eine Brandbekämpfung durch die Feuerwehr gab es beim Haus Moll nicht, denn die wenigen Männer der Fischbacher Feuerwehr wurden zum Löschen nach Friedrichshafen beordert. Die Wasserversorgung war in Fischbach ohnehin zusammengebrochen. In unserem Garten gab es einen Brunnen mit einer Wasserpumpe. Von dort trugen Helfer eimerweise Wasser zum Haus Moll, denn im Erdgeschoss war das Uhrengeschäft von Herrn Sünwold mit wertvollen Gegenständen. Durch den Einsatz der Helfer konnte viele davon vor der großen Hitze gerettet werden. Einige nicht gezündete Brandbomben wurden danach in den verschiedenen Gärten gefunden ohne einen Schäden angerichtet zu haben. Die gefundenen Brandbomben hatten ca. 8cm Durchmesser, waren 6- oder 8 eckig, ca. 30cm lang und mit Phosphor gefüllt. Phosphor entzündet sich sobald es sich mit Sauerstoff verbindet. In den Obstanlagen hinter den Grundstücken Straub und Frey fand man noch 2 große Bombenlöcher, verursacht durch explodierte Luftminen. In den Jahren 1944 und 1945 gab es noch öfters Fliegeralarm. Hauptziele waren die Dornier Werke in Manzell und die Industriegebiete in Friedrichshafen und das Stadtgebiet. Die Flakstellung in Fischbach wurde aufgelöst und somit waren wir nicht mehr so gefährdet. An einen Tagesangriff kann ich mich noch erinnern. Es schlug eine kleinere Bombe vor unserem Haus ein und verursachte einen Bombentrichter von 1,5 m Durchmesser. Außer vielen Splitterlöchern in der Hauswand gab es keinen größeren Schaden. Nach solchen Angriffen sammelten wir Kinder Bombensplitter in Größen von 1 bis 5 cm und erfreuten uns an den bunten Farben von hellgelb bis tiefblau. Teilweise wurde ich nach Göggingen zu meinem Onkel Josef und Tante Wilhelmine evakuiert und erfreute mich an der Gesellschaft mehrerer Kinder, dies lies mich etliches vergessen, dadurch habe ich manche Angriffe nicht selbst erlebt. Laut einer Recherche von Josef (Sepp) Kessler in seinem Buch „Untergang der Stadt am See“ war am 28.04.1944 der 6. Angriff auf die Stadt Friedrichshafen. Es waren 309 Lancaster viermotorige Bomber mit 748 Sprengbomben und 184.932 Brandbomben mit einem Gesamtgewicht von 1108 Tonnen im Einsatz. Sepp Kessler war mit 15 Jahren als Schülersoldat und Flakhelfer im Einsatz und hat hier 15 Angriffe überlebt